Horst Kühn, DO2HKW

Silent Key 01.11.2012

Als ich und das Radio noch jung waren


Mein Name ist Horst Kühn und ich erwähne das
gleich zu Anfang, denn von meinem Großonkel,
dem bekannten Rudolf Kühn, - der mit der Huth-
Kühn Oszillatorschaltung – bekam ich in meiner
Jugend ein Buch über drahtlose Telegrafie
geschenkt. Das war dann der Anfang einer großen
Liebe zu eben diesem Metier. Dieses Buch
erschien in der damals sehr bekannten „Sammlung
Göschen“, die naturwissenschaftliche Bücher
publizierte. Mit diesem Buch hatte ich mein
Schlüsselerlebnis, wenn auch zunächst einmal nur
auf mentaler Ebene. Zu dieser Zeit war ich etwa
10 Jahre jung und hatte die Phase der
Beschäftigung mit Stabilbaukastens und des
Elektrobaukastens gerade überwunden und war
offen für neue Dinge. Und es gab damals viele
neue Dinge, hervorgebracht durch eine stürmische
Entwicklung in allen technischen Disziplinen.

Interesse am neuen Medium
Ich erinnere mich noch an einige Details aus dem
erwähnten Buch, an die Versuche Marconies, die
dort beschrieben waren, an die
Knallfunkensender, die Lichtbogensender, die
Löchfunkensender und schließlich die
Maschinensender. Auch Röhrenschaltungen
wurden dort schon behandelt und natürlich auch
das Audion, die modernste Art des
Rundfunkempfangs zu jener Zeit. Für den
Hausgebrauch wurden Kristalldetektor-
Empfänger vorgeschlagen und diese waren auch
abgebildet, im wahrsten Sinne des Wortes; die
Schaltung war nicht als Schaltbild, sondern
bildlich dargestellt, wie das damals so üblich war.
In diesem Zusammenhang erinnere ich mich an
die so genannte Schlömilch Zelle, etwas
exotisches aus heutiger Sicht, was aber nichts
anderes wie ein elektrolytischer
Hochfrequenzgleichrichter war. Die wenigen
Teile, die ein Detektor- Radio- Apparat benötigte,
waren schnell beschafft, wobei ich für den
Drehkondensator und den Kristalldetektor mein
Taschengeld arg strapazieren musste. Den
Schwingkreis, Klingeldraht auf Toilettenrolle, gab
es gratis. Ebenso die Zigarrenkiste, in der alles
seinen Platz fand. Wir wohnten damals in Berlin-
Dalem und hinter dem Haus war für eine Antenne
genug Raum.
Bis zum erfolgreichen Empfang eines
Radioprogramms hatte ich mein Projekt geheim
gehalten, denn bei Misserfolg wollte man sich ja
nicht blamieren. Ich weihte zuerst meine
Erzieherin ein denn ich wusste, dass sie meine
Eltern unterrichten würde. Selbst wollte ich vor
meinen Eltern nicht prahlen, denn das schickte
sich irgendwie nicht. Meine Eltern waren
preußisch streng und konservativ in meiner
Erziehung. Ich musste noch Sie zu meinen Eltern
sagen. Uns ging es damals ganz gut denn mein
Vater arbeitete als Kaufmann in einer
Handelsfirma seines Schwiegervaters. Aber so
richtig wohl fühlte ich mich immer auf dem
Anwesen meines Großvaters auf dem Lande und
dort hatte es mir die Bibliothek angetan, in der ich
mich tagelang aufhalten konnte. Im Grunde
genommen war ich ein Stubenhocker.

Erste Erfolge
Es war jedenfalls nicht schlecht, in Berlin ein
Fräulein von Dienst zu haben, welche gelegentlich
als Filter, oder Puffer zwischen mir und meinen
Eltern fungierte. Wenn ich mal in den Karzer
musste – das gab es damals noch – so war meine
Erzieherin natürlich der Überbringer der
schlechten Nachricht. Das ersparte mir allerdings
einen späteren Rapport nicht. Diesmal war es ganz
anders. Eltern und Tanten konnten es kaum
glauben, was Horst da zu Wege gebracht hatte.
Sofort wurde mir ein Geldbetrag für meine
Basteleien zur Verfügung gestellt und es wurde
Literatur gekauft, was es damals zu kaufen gab.
Für teure Bastelteile blieb auch noch was übrig.
Somit war ich bald auch stolzer Besitzer eines
Audions.
Da der zur Verfügung gestellte Betrag natürlich
bald aufgezehrt war, ein Audion damals in der
Anfangszeit des Radios jedoch sehr Batterie
intensiv war, musste ich mir was ausdenken.
Von unserem Hausarzt bekam ich ausgediente
Reagenzgläser zur Verfügung gestellt. In Streifen
geschnittene Bleistreifen dienten als Elektroden in
Schwefelsäure- Elektrolyt und ich hatte eine 2
Volt Zelle zum wieder Aufladen.. Eine ganze
Batterie hatte ich in einer Glasvitrine aufgestellt,
die immer regelmäßig übers Netz geladen wurde.

Lehrgeld
Meine Batterie blubberte dauernd vor sich hin,
bis das unvermeidliche eines Tages geschah. Die
Knallgasexplosion verwüstete den
Vitrinenschrank und übersäte mein Zimmer mit
Scherben. Zum Glück kam keiner zu Schaden.
Sofort wurden mir sämtliche Radio- Sachen
weggenommen, was ich als sehr rigide und
überzogen empfand, nicht vergleichbar mit der
Luftgewehr- Affäre. Ich war einmal stolzer
Besitzer eines Luftgewehrs. Das aber nur für eine
halbe Stunde. Beim Prüfen des Luftdrucks des
Gewehres muss ich mich ungeschickt angestellt
haben, denn ich verletzte mich dabei und es war
wirklich nicht geheim zu halten. Jedenfalls wurde
mir das Luftgewehr sofort wieder abgenommen –
für immer.
Die nächsten vier Wochen waren für mich eine
schreckliche Zeit, eine Radio lose Zeit und ich litt
wirklich darunter.
Nun wollte es der Zufall dass unser Hausarzt von
dem Unglück erfuhr und da er mit seinen
Reagenzgläsern nicht ganz unbeteiligt war, fühlte
er sich offensichtlich ein wenig in die Pflicht
genommen und er versuchte das Geschehen zu
erklären und versicherte meinen Eltern, dass von
einem Radio welches mit normalen, gekauften
Anodenbatterie betrieben würde, keinerlei
derartige Gefahren ausgehen könnte, wie
unglücklicherweise geschehen. Da unser Hausarzt
per se eine Vertrauensperson war, noch dazu
studiert hatte, konnte er meine Eltern davon
überzeugen, dass von dem Radiohobby keine
allgemeinen Gefahr ausging, wenn es sachkundig
und den Regeln entsprechend betrieben wurde. Es
wurden mir sofort all meine geliebten Radio-
Bastelsachen zurückgegeben und es wurde mir
alle drei Monate eine Anodenbatterie zugesagt.

Sechzig Jahre später
Das Radio und ich, wir beide sind in die Jahre
gekommen, haben uns sehr verändert, haben uns
aber die Treue gehalten. Mein Beruf und mein
Hobby haben sich in Richtung Nachrichtentechnik
orientiert. Ich trat schon sehr bald in den DASD
ein und bin seit Anfang an bis heute in der
Nachfolgeorganisation, dem DARC Mitglied
gewesen. Da mich hauptsächlich die Technik
faszinierte und ich viele Amateurfunkgeräte baute
und auch jetzt noch besitze, war ich am
Amateurfunkbetrieb lediglich hörender weise
beteiligt. Meine Wuppertaler Clubmitglieder
drängten mich immer wieder, mich um eine
Sendelizenz zu bemühen. Im Jahre 2003 hatten sie
es endlich geschafft, mich zu überreden und ich
ging zur RegTp nach Mülheim und bekam nach
erfolgter Prüfung mein Amateurfunkzeugnis. Nun
kann ich auch aktiv an den Ortsrunden des OV
Wuppertal mit meinem Rufzeichen DO2HKW
teilnehmen.

Horst Kühn, DO2HKW